17. April 2026 · Monitoring · 9 Min Lesezeit

PRTG vs. Checkmk: Was dir keiner vor der Migration sagt

Feature-Vergleiche zwischen PRTG und Checkmk gibt es dutzende. Datenblätter, Checkboxen, Sternchen-Bewertungen. Aber was passiert, wenn du tatsächlich umsteigst? Hier geht es um die Dinge, die erst nach 2 Wochen Parallelbetrieb sichtbar werden.

Warum gerade Checkmk?

Checkmk taucht in den letzten Jahren immer häufiger als PRTG-Alternative auf, besonders in deutschsprachigen IT-Abteilungen. Die Gründe liegen nahe: Die Raw Edition ist Open Source und kostenlos, die Enterprise Edition kommt als Abo-Modell ohne Sensor-Limit und die Community spricht deutsch. Das Unternehmen dahinter (Checkmk GmbH, München) bietet professionellen Support und die Dokumentation ist auf einem Niveau, das man bei Open-Source-Projekten selten sieht.

Wer von PRTG weg will und Zabbix zu komplex findet, landet fast zwangsläufig bei Checkmk. Ob das die richtige Wahl ist, hängt von ein paar Faktoren ab, die in den Marketing-Vergleichen fehlen.

Was bei Checkmk besser ist als bei PRTG

Agent-basiertes Discovery

Checkmk installiert einen Agent auf dem Ziel-Host und erkennt dann automatisch, was überwacht werden sollte: Dateisysteme, Services, Netzwerk-Interfaces, Datenbanken. In PRTG klickst du dich durch Sensor-Typen und wählst manuell aus. Bei 10 Servern ist das kein Problem. Bei 200 spart Checkmk Tage an Einrichtungszeit.

Rule-based Configuration

Statt wie in PRTG jeden Sensor einzeln zu konfigurieren, definierst du in Checkmk Regeln: "Alle Linux-Server mit dem Tag 'production' bekommen Schwellwerte von 90%/95% für Dateisysteme." Eine Regel, 150 Hosts betroffen. In PRTG müsstest du das entweder über Vererbung lösen (funktioniert nur, wenn die Baumstruktur stimmt) oder per Kanalgrenzwert auf jedem einzelnen Sensor.

Linux-Überwachung

PRTG ist ein Windows-Produkt, das Linux per SSH oder SNMP überwacht. Das funktioniert, ist aber nie so tief wie die native Windows-Überwachung. Checkmk kommt aus der Linux-Welt (Nagios-Erbe) und überwacht Linux-Systeme mit einer Tiefe, die PRTG nicht erreicht: Kernel-Parameter, systemd-Units, Docker-Container, cgroup-Metriken.

Kein Sensor-Limit in der Raw Edition

PRTG rechnet nach Sensoren: 500, 1.000, 2.500, 5.000, XL1. Bei 5.000 Sensoren bist du schnell bei 11.000 EUR Lizenzkosten pro Jahr. Checkmk Raw Edition hat kein solches Limit. Du zahlst 0 EUR, egal ob du 500 oder 50.000 Services überwachst. Der Haken: Raw hat funktionelle Einschränkungen, dazu gleich mehr.

Was bei PRTG besser bleibt

Windows-native, kein Linux-Server nötig

PRTG läuft auf Windows. Installieren, Wizard durchklicken, fertig. Checkmk braucht einen Linux-Server (Debian, Ubuntu oder RHEL). Für Windows-only-Teams ist das eine echte Hürde, weil plötzlich ein System gepflegt werden muss, das niemand im Team kennt.

SNMP-Setup in 2 Klicks

In PRTG fügst du ein Device hinzu, gibst die SNMP-Community an und PRTG zeigt dir eine Liste aller verfügbaren Sensoren. Du setzt Häkchen, fertig. In Checkmk funktioniert SNMP ebenfalls, aber der Weg dorthin fühlt sich anders an. Es gibt keinen Sensor-Picker. Du konfigurierst Host-Tags, aktivierst SNMP als Datenquelle und Checkmk erkennt die verfügbaren Check-Plugins automatisch. Mächtiger, aber weniger intuitiv.

Maps

PRTGs Map-Editor ist simpel, aber effektiv: Hintergrund-Bild rein, Sensoren draufziehen, fertig. IT-Leiter lieben das, weil sie in 5 Minuten ein Netzwerk-Dashboard für die Wand im NOC bauen können. Checkmk hat dafür kein Äquivalent auf dem gleichen Bedienungsniveau.

Einarbeitungszeit

Ein Admin, der noch nie Monitoring gemacht hat, findet sich in PRTG innerhalb von 2 Stunden zurecht. Die Oberfläche ist selbsterklärend. Checkmk braucht einen Tag, um die Grundkonzepte (Sites, Hosts, Rules, WATO/Setup) zu verstehen. Das ist kein Qualitätsmangel, sondern Konsequenz der höheren Flexibilität.

Die 5 Dinge, die dir keiner vor der Migration sagt

1. Checkmk Raw hat kein SLA-Reporting

Viele Teams wechseln zu Checkmk Raw, weil es kostenlos ist. Alles läuft, das Monitoring steht. Dann fragt die Geschäftsführung nach dem monatlichen Verfügbarkeitsbericht. Und du merkst: SLA-Reporting gibt es nur in der Enterprise Edition. In der Raw Edition musst du dir das selbst bauen, per Livestatus-Abfragen und einem externen Reporting-Tool. Oder du kaufst die Enterprise Edition und dann ist der Preisvorteil gegenüber PRTG plötzlich kleiner als gedacht.

2. Agent-Deployment auf 200+ Hosts ist kein Nachmittagsprojekt

Checkmk lebt vom Agent. Ohne Agent bekommst du nur SNMP-Daten oder Ping. Der Agent muss auf jedem Host installiert werden. Checkmk bietet dafür den Agent Bakery (Enterprise Edition) oder du verteilst den Agent per GPO, Ansible, SCCM. Bei 30 Hosts ist das in einer Stunde erledigt. Bei 200+ Hosts mit unterschiedlichen Betriebssystemen, Firewall-Regeln und Netzwerksegmenten wird daraus ein eigenes Teilprojekt mit 3-5 Tagen Aufwand.

In PRTG brauchst du in vielen Fällen keinen Agenten. WMI, SNMP und Remote-PowerShell laufen vom PRTG-Server aus. Das ist technisch weniger elegant, aber operativ einfacher.

3. SNMP in Checkmk fühlt sich anders an

In PRTG siehst du beim Auto-Discovery eine Liste: "Ping", "Traffic In/Out Port 1", "CPU Load", "Memory". Du setzt Häkchen bei dem, was du willst. Checkmk macht das anders: Du konfigurierst den Host als SNMP-Host, starst eine Service-Erkennung und Checkmk zeigt dir alle erkannten Services. Du kannst einzelne deaktivieren, aber die Logik ist umgekehrt: Checkmk überwacht alles, was es findet, und du entfernst, was du nicht brauchst.

Für erfahrene Admins ist das effizienter. Für Teams, die gewohnt sind, gezielt einzelne Sensoren hinzuzufügen, ist es eine Umstellung.

4. Notifications sind mächtiger, aber die Lernkurve ist steil

PRTG hat ein Notification-System, das in 10 Minuten konfiguriert ist: Trigger-Bedingung, Empfänger, Fertig. Checkmk hat ein regelbasiertes Notification-System mit Conditions, Bulk-Notifications, Time Periods, Fallback-Regeln und User-spezifischen Overrides. Du kannst damit Dinge abbilden, die in PRTG unmöglich wären.

Das Problem: Die erste funktionierende Notification-Regel in Checkmk braucht 30 Minuten statt 10. Und bis du das System wirklich verstanden hast (wann greift welche Regel, was überschreibt was), vergehen 2-3 Tage. In dieser Zeit wirst du Notifications bekommen, die du nicht erwartet hast, und Notifications vermissen, die du erwartet hättest.

5. Deine PRTG-Maps gibt es nicht

Checkmk hat NagVis als Visualisierungstool. NagVis kann Netzwerk-Karten, Geo-Maps und Status-Übersichten. Aber es ist ein separates Tool mit eigener Konfiguration, eigener Logik und einer Bedienoberfläche, die aus einer anderen Zeit stammt. Wenn dein Team PRTG-Maps aktiv nutzt (für NOC-Screens, Management-Dashboards, Standort-Übersichten), wird die Nachbildung in NagVis aufwendig und das Ergebnis sieht anders aus.

Alternative: Grafana mit dem Checkmk-Plugin. Modernere Oberfläche, flexiblere Dashboards, aber ein weiteres Tool in der Kette.

Entscheidungsmatrix: Wann PRTG behalten, wann wechseln

Kriterium Bei PRTG bleiben Zu Checkmk wechseln
Umgebungsgröße Unter 1.000 Sensoren Über 2.500 Services
Betriebssystem-Mix Überwiegend Windows Viele Linux-Hosts
Team-Know-how Reines Windows-Team Linux-Erfahrung vorhanden
Budget PRTG-Lizenz tragbar Lizenzkosten ein Problem
Konfigurationsansatz Klick-basiert, pro Device Rule-based, skalierbar
SLA-Reporting In PRTG enthalten Nur Enterprise Edition
Maps/Dashboards PRTG-Maps reichen NagVis oder Grafana nötig
Automatisierung API vorhanden, begrenzt REST-API, Bakery, Rules
Faustregel: Wenn dein Team PRTG kennt, die Lizenzkosten tragbar sind und du überwiegend Windows überwachst, gibt es keinen zwingenden Grund zu wechseln. Wenn du eine gemischte Umgebung mit 200+ Hosts hast und die PRTG-Rechnung jedes Jahr wächst, lohnt sich ein genauer Blick auf Checkmk.

Dritte Option: Zabbix

Checkmk ist nicht die einzige Alternative zu PRTG. Zabbix verfolgt einen ähnlichen Open-Source-Ansatz, hat aber eine andere Philosophie (template-basiert statt rule-basiert) und eine noch größere internationale Community. Die Migrationspfade und Stolpersteine sind allerdings andere. Wenn du alle 3 Optionen vergleichen willst, lies den Zabbix-Migrationsartikel als Ergänzung. Einen Überblick über alle Alternativen findest du im Artikel PRTG zu teuer? 3 Optionen.

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Tommy Drzewosz
IT- & KI-Architekt, Trainer und Fullstack-Entwickler mit über 20 Jahren Erfahrung im Enterprise-Umfeld. Aktiver Dozent für Monitoring-Themen (PRTG, Zabbix) an der GFU Cyrus AG, Köln. → PRTG Audit & Sanierung als Festpreis-Paket